Fryatt Hut, Teil 5: letzter Tag in der Einsamkeit der Rocky Mountains

Susanne blinzelt in die Morgensonne

Sag zum Abschied leise Servus: letzter Blick aus der Fryatt Hut auf die Gipfel der Rockies

Beim Frühstück wissen wir noch nicht, dass dies unsere letzten Momente in Einsamkeit sein werden. Wieder scheint die Sonne, wieder kann man nicht draußen sitzen, weil einen Horseflies und Mücken den Garaus machen, und wir würden unser Anti-Bären-Reizgas sofort eintauschen gegen ein gut funktionierendes Insektengift. Wieder haben wir uns im Fluss gewaschen, und im Laufe des Morgens weitere (mindestens 2000) Fotos von den uns umgebenden Bergen gemacht, wie sich ihre Gestalt im Licht des beginnenden Tages von Minute zu Minute ändert.Wer neugierig auf die kleine Hütte in den Rocky Mountains ist, klickt auf das Youtube-Symbol und sieht sich unsere kurze Hotelführung an durch die Sidney Vallence Fryatt Hut – die Perle des Alpine Club of Canada.

eine Aquarell-Impression in der Fryatt Hut   ein Reiseblogger bloggt auch in der kleinsten Hütte
Kunst in der Hütte: unbekanntes Aquarell und unrasierter Blogger
Morgen werden wir zurück kehren in die Zivilisation. Und haben wir uns vor dem Hinweg nur mit einem Thema befasst, mit der Angst vor dem Bären, der genau in dem Moment, in dem wir an ihm vorbei gehen, aus den Sträuchern springt und uns als willkommene Fleischbeilage zu seinen Preisselbeeren verschlingt, beschäftigt uns jetzt vor allem die Distanz. 24 Kilometer. Puh. Da es überwiegend bergab geht (anfangs allerdings gefährlich steil), veranschlagen wir eine Zeit von etwa fünfeinhalb Stunden.

Rückweg durchs Fryatt Valley  Rückweg durchs Fryatt Valley

Da müssen wir runter: Abstieg durch die Headwall. Und da drüber: Geröllfeld im Tal

Der letzte Tag fern der Welt. Eher zufällig beginnen wir beim Frühstück ein Fazit zu ziehen zum ersten Meilenstein unserer Auszeit, zum Projekt Abgeschiedenheit. Hat es gebracht, was wir uns davon erhofft hatten? Was ist gut gewesen, was schlecht? Was müsste man beim nächsten Mal anders machen? Sollte es überhaupt ein nächstes Mal geben? Und was können andere lernen aus unseren Erfahrungen?

Zuerst einmal: Ja, es muss unbedingt ein nächstes Mal geben! Vor allem aber sollte man dafür mehr Zeit einplanen, vielleicht zwei Wochen oder gar drei, denn die ersten Tage gehen dafür drauf, sich an die neue Situation zu gewöhnen, vertraut werden mit ungewohnten Geräuschen und mit der unfassbaren Nachtruhe, die alles andere ist als still. Mehr Sorgfalt würden wir beim nächsten Mal auf die Auswahl des Essens legen, weniger Astronautennahrung, mehr Zutaten, um frisch zu kochen. Außerdem macht es Sinn, reichlich Zeit verstreichen zu lassen, ehe man sich in die Einsamkeit begibt. Wir haben so eine Art „Kaltstart“ hingelegt, manchmal hatten wir den Eindruck, wir waren noch nicht entspannt genug.

Und, haben uns die abgeschiedenen Tage im Fryatt Valley verändert? Nicht grundsätzlich. Doch empfinden wir den Gedanken, fern der Zivilisation zu sein, nicht mehr als Herausforderung. Susanne sagt zudem, sie fühle sich unerschrockener, sie habe sich überwunden, eine Angst besiegt. Mich überrascht, dass mich die Ruhe nicht mehr schreckt, dass ich mich auf den Tag einlassen kann, auf das Nichtstun. Man geht abends früh schlafen, wird morgens früh wach, bleibt liegen, liest. Susanne und ich haben viel über unsere Auszeit gesprochen, über die bevorstehenden Reisen. Aber noch mehr haben wir diese einfach dahin gehenden Tage genossen. Und uns für keinen Moment vor vermeintlicher Unerfülltheit gefürchtet.

Rick und Jim erreichen unsere Hütte
Eine WG in den Bergen: Jim und Rick ziehen ein, sie wollen ein paar Gipfel besteigen

„Hi there!“, plötzlich stehen Rick und Jim auf der Terrasse und lassen ihre Rucksäcke auf die Holzdielen poltern. „Wir sind gekommen, um eure Einsamkeit zu beenden.“ Sie lachen und begrüßen uns freundlich. Rick und Jim sind langjährige Mitglieder des Alpine Club of Canada und haben von Keith Haberl erfahren, dass wir die Sidney-Vallence-Hut im Fryatt Valley für unser Experiment nutzen. Eigentlich wollten die gestandenen Bergsteiger, beide schon jenseits der 60, bereits gestern hier oben angekommen sein. Aber, so der hagere Rick, sie waren zu kaputt von der Wanderung, dass sie sich an die Headwall nicht mehr herantrauten. „Am letzten Campground im Lower Valley haben wir ein Biwak errichtet, die Seile in engen Schlaufen ausgelegt, als Iso-Matten-Ersatz, und darauf in unseren Schlafsäcken geschlafen.“ Das war bequem? Der runde Jim: „Kein Luxus-Hotel kann mir eine so herrliche Nacht bieten.“

Wir verbringen einen kurzen, aber kurzweiligen Abend zusammen. Um 21 Uhr gehen wir alle zu Bett. Die beiden wollen früh los, wollen gegen fünf Uhr aufstehen, um den knapp 3000 Meter hohen Mount Lowell zu besteigen (dass sie dann aber erst gegen sieben Uhr hoch kommen, zeigt auch die Gelassenheit, die die beiden nach fast 30 Jahren gemeinsamer Bergsteigerei haben). Wir werden uns auf den Rückweg machen.

die Overlander Mountain Lodge – endlich wieder eine warme Dusche  lecker vegetarisch Essen im Nourish in Banff

Wieder gesellschaftsfähig: Dusche und weiches Bett in der “Overlander Mountain Lodge”, ein phantasievolles Abendessen im bunten “Nourish”-Bistro

Wir genießen den Luxus der „Overlander Mountain Lodge“, die Betten sind weich und das Wasser aus der Dusche ist heiß. Wir laden wir uns gegenseitig auf ein Festmahl im vegetarischen Restaurant „Nourish“ ein. Und dann machen wir uns bereit für den zweiten Teil unserer Reise durch Kanada: In Calgary übernehmen wir ein Wohnmobil und cruisen quer durch British Columbia. Wir freuen uns auf die Zeit on the road, auf Tage zwischen großen Kühlerhauben und Nächte an einsamen Seen.

der Icefields Park Way – unsere Route für die nächsten Tage

ein Wapiti am Wegesrand

Vorschau auf die nächsten Tage: Icefieldsparkway und ein Wapiti-Hirschhintern

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