Deutschland-Frankreich-Schweiz: Genuss-Reise durchs Drei-Länder-Eck – Teil 1, Elsass

Bullitour: Strasse ins irgendwo
Schaufenster ins Glück: Blick durch die Windschutzscheibe auf eine Straße im Elsass

Schon kurz vor Tuniberg muss ich voll in die Bremsen steigen (was unser Wagen mit einer sympathischen Tempoverzögerung quittiert). Am Straßenrand haben Liebhaber amerikanischer Autos aus den 50er- bis 70er-Jahren ihre Heckflügelmonster aufgebaut, riesige Motorhauben stehen krokodilmaulweit offen. Na, da muss der 1972 gebaute Bulli doch seine platte Nase rein stecken. Selbstverständlich werden wir als Ehrengäste willkommen geheißen. Zumindest was das Zeitkolorit betrifft, kann der VW T2 locker mit halten. Und unsere Tour mit dem 41 Jahre alten Bulli durch das kulinarische Dreiländer-Eck erfährt ihre erste ungeplante Unterbrechung.

noch steht der Bully auf der Rampe

Dirk am Steuer

lustige Truppe unterwegs


Bulli im Huckepack: Der T2 wird per Anhänger geliefert, bevor wir ihn durch das Dreiländereck steuern dürfen. Dabei gilt, wie bei der American Car Show: durchdrehen verboten!

Langsam nehmen wir die Parade ab, vorbei an den automobilen Träumen einer anderen Epoche, 8-Zylinder-Riesen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Deutschen haben sich damals mit einem VW-Camping-Bus wie dem unseren Freiheit und Abenteuer erfahren. Da war man noch wirklich weg, wenn man sich erstmal auf den Weg gemacht hatte. Das hatte mit Entschleunigung nichts zu tun, es war einfach das Tempo einer anderen Zeit. Und für einen vergangenheitsseligen Moment wird unser Bulli zum Star der Show. 

Von vornherein war die Reise mit dem VW-Bus, den die Romantik Hotels anlässlich des 40. Bestehens der Kooperation im vergangenen Jahr nach aufwändiger Restauration von Volkswagen übernommen haben, auch als Zeitreise geplant. Dazu passt schon die Farbgebung des rot-braun creme-weißen Autos, die an die Trans-Europa-Express-Züge meiner Modellbahnkindheit erinnert. Doch ist der Bulli alles andere als ein Schnellzug. 66 PS „leistet“ der Motor und „beschleunigt“ den Wagen in gefühlt einer Minute von 0 auf 80 Km/h. Einmal sind wir sogar 100 gefahren. Wer so unterwegs ist, reist anders.

Die Festung in Neuf-Brisach
Architektur des Krieges: die achteckige Festungsstadt Neuf Brisach

Zu viert sitzen wir im Bulli, die Journalistinnen Stephanie Kreuzer, Daniela Kerscher und ich (Susanne konnte leider nicht mit kommen), in Begleitung der PR-Frau Anne Heußner, die uns eingeladen hat, im Dreiländer-Eck vier der 201 Romantik Hotels zu besuchen. Dass diese Reise nicht nur eine lustige Töff-Töff-Tour durch die Zeit werden würde, sondern auch eine bemerkenswerte Erfahrung, wie sich Hotel-Gestaltung verändert hat in den vergangenen 40 Jahren, wie modisch Weine sind, und wie sich die Kochkunst weiter entwickelte – von der französischen Hochküche bis zur detailverliebten Sterne-Küche der Gegenwart –, das war so nicht geplant. Und wird den Reiz dieser Reise ausmachen, die uns ins Elsass, in den Südschwarzwald und an das Rheinufer der Schweiz führen wird.

Wir starten in Freiburg. Der Bulli kommt auf einem Anhänger zum Hauptbahnhof. Auf den ersten Kilometern darf ich das Camping-Mobil steuern. Ein dünnes Speichenlenkrad, ein langer Schalthebel, Pedale, die man richtig treten muss. Das vertraute Rasseln des luftgekühlten Motors. Es macht Spaß, den Wagen zu fahren. Rund 50 Kilometer sind es über Breisach, den Rhein und die barocke Festungsstadt Neuf-Brisach nach Colmar. Immer wieder hupen uns Autofahrer an, Lächeln, Winken, der Bulli ist sympathisch. Ein Mitglied unserer Reisegruppe prägt die schöne Formulierung, dass es sicherlich viele Autos gebe, die moderner, schneller und wertvoller sind als der Bulli – aber die meisten Fahrer würden lieber zu uns einsteigen.

Engel im Marechal

Goldstück an der Rezeption

 das Arschbett im Marechal

Engel unter sich: Goldgestalt am Eingang, Goldstück an der Rezeption des “Le Marechal”. Die Einrichtung wirkt ein wenig burlesque, die Lage am Flüsschen Lauch in Colmar ist pittoresk

Das Hotel „Le Marechal“ liegt in der wegen ihrer vielen Wasserstraßen „Petite Venice“ genannten Altstadt von Colmar. Dicht an dicht drängen sich die windschiefen Fachwerkhäuser. Das Hotel erstreckt sich über mehrere Gebäude, Dielen knarzen, Balken kreuzen Wände, verwinkelte Flure und Treppen führen zu den Zimmern. Das Hotel ein Irrgarten der Zeit.

So manche Irrung prägt allerdings auch die Einrichtung. Puppen stehen auf Borden und Fensterbänken, Seidenblumen und goldgerahmte Bilder hängen an den Wänden, ein Gold-Engel harft neben der Rezeption. Die Möbel in den Zimmern sehen nur aus, als wären sie antik, auf den Betten liegen sehr bunte Überwürfe. Doch dann öffnet man ein Fenster – und verzeiht. Bienen brummen durch die Geranien, Vögel zwitschern von rot-braunen Dächern, die Lauch fließt leise durch ein fast schon zu perfekt restauriertes Mittelalter. Kaum hörbar gleitet ein Elektro-Boot vorbei. Auf einer Terrasse am Fluss sitzen die Menschen beim ersten Wein. Und, hach, man möchte es ihnen sofort gleich tun.

Blick aus dem MarechalStorch nistet auf dem Kirchturm
Aussichts-Reich: Blick aus dem Zimmer auf “Petite Venice” und zu einem Storch in Eguisheim

Wir besuchen ein Weingut in den Hügeln hinter Colmar. Hechelnd kämpft sich der Bulli durch Eguisheim, das kürzlich zum schönsten Dorf Frankreichs gekürt wurde – Störche posieren auf Türmen –, bis hinauf nach Voegtlinshoffen. Auf rund 300 Metern Höhe liegt der Ort und bietet einen schönen Blick über das Rheintal.

Der Winzer Jacques Cattin lässt uns einige seiner Weine testen und führt durch die Keller des Guts, das den Namen seines Urgroßvaters trägt: Joseph Cattin. Wir trinken einen weichen, vollmundigen Cremant und einen goldigen, eher klassischen Riesling. Und im Keller gießt uns Cattin seine neueste Kreation ein – einen perlenden Riesling, spritzig und frisch. Auch im Elsass so der Winzer, werden die Weine moderner. Er habe Kunden und Freunde in Australien. Von denen können hiesige Winzer viel lernen. „Ein Anfang ist gemacht.“

schönes Mosaikfenster

Verantwortlich für große Weine: Jacques Cattin und – selbstverständlich – die Mutter Gottes

Reisen macht hungrig. Und so finden wir uns zum Abendessen im Restaurant des Hotels ein. Gastgeber Alexander Bomo lässt seine Küche zaubern. Als Gruß schickt die eine kalte Suppe mit warmen Pilzen. Und dann noch eine Garnele mit einem Froschschenkel. Als Vorspeise kommt eine Hasen-Terrine auf den Tisch, als Fischgang eine Roulade von der Scholle. Das Hauptgericht ist ein butterzarter Kalbsbraten mit grünem Spargel. Zum Dessert gibt es Erdbeeren mit Eis. Und dass wir nach dem feinen, fast vierstündigen Genuss-Marathon noch fähig sind, zum Espresso das Postres zu genießen, beweist, dass die Küche im Marechal zwar traditionell ist, aber nicht schwer. Chapeau.

Gruss aus der Küche

....Froschschenkel

Vorspeise

Fischgericht

Fleischgang

Dessert



Sieben Gänge Glück: zwei Grüße aus der Küche, zwei Hauptgänge, ein Postre als Nachtisch zum Dessert

Alexander bittet uns noch zu einem Spaziergang durch die nächtliche Stadt. Er klagt über Regierungsverordnungen, dass er etwa angewiesen sei, sein an Treppen und Stufen reiches Hotel rollstuhlgerecht umzubauen, und über die ständige Arbeit für Bewertungs- und Buchungsportale. Er spricht über die Schönheit und die Last eines solchen Ortes, dass er plane, das Hotel zu modernisieren. Doch viele Besucher, die nach Colmar kämen, würden eben genau das Traditionelle, manchmal gar kitschige suchen. Und ich muss an die vielen Storch-Souvenirs denken, die man hier kaufen kann. Eins hässlicher als das andere.

Und doch liegt ein Zauber über der nächtlichen Stadt mit ihrem von den Jahren polierten Kopfsteinpflaster, den dunklen Fachwerkhäusern und dem wuchtigen Münster. Langsam gehen wir zurück. Es ist weit nach Mitternacht als wir wieder im Hotel sind. Tatendurstig steht unsere Zeitmaschine auf dem Parkplatz. Als nächstes bringt uns der Bulli in den Südschwarzwald, ins Münstertal. Dort werden wir einen behutsamen Erneuerer kennen lernen. Einen Hotelbesitzer, der sich mit Cartoons bezahlen lässt…

Colmar bei Nachtdas Münster in Colmar
Perfektes Ziel für Zeitreisende: Colmar mit seinem mittelalterlichen Stadtbild und Münster

Le Marechal

Ein Hotel für Paare mit Sinn für Fachwerk und Geschichte, die sich von etwas Kitsch nicht abschrecken lassen, und die die traditionelle französische Küche schätzen. Das Haus liegt direkt am Wasser, mitten im „Petite Venice“ und ist ein guter Ausgangspunkt um die Sehenswürdigkeiten Colmars (Isenheimer Altar im Musée d’Unterlinden) und die Wanderwege der Vogesen (Weinkehrpfad „Eguisheimer Grand Crus“) zu erkunden.

Colmar, Place des Six Montagnes Noires, Tel. 033-389 41 60 32

 

Feuerwerk_pushresetHinweis: Die Recherchereisen für diesen Blog wurden zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien, Reedereien und/oder PR- bzw. Tourismus-Agenturen.

 

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