Double Room with a view. Hubertus Alpin Lodge in Balderschwang: ein zeitloser Ort

Siplinger-Kopf
Ein Paar auf Reisen: Ein Charakterschädel des Allgäus ist der Siplingerkopf

Ein Hotelportrait von Susanne Baade (Fotos) und Dirk Lehmann (Text)

2. Teil: Ein Haus erfindet sich neu: Ein Ferienhotel in den Alpen wandelt sich zum Seelen-Ort

Da wünscht man sich immer, dass einmal die Zeit still steht. Dann passiert es tatsächlich, die Glockenschläge des Kirchturms bleiben aus. Und man weiß sofort: Irgendwas stimmt nicht.

Schräg vor unserer Hotelterrasse ragt die dunkle Spitze des Gotteshauses in den Himmel über Balderschwang. Unter dem vierschenkeligen Dach, das wie eine Harlekinsmütze über den schlanken beige-weißen Turm gestülpt wurde, sitzt die Uhr mit ihrem rot-schwarzen Zifferblatt, den goldenen römischen Ziffern und den ebenfalls goldenen Zeigern. Die ungerührt kurz nach 12 anzeigen.

Kirchturmuhr in Balderschwang

Dirk auf dem Hoehenzug

Hoch hinaus: Kirchturm mit stehender Uhr und Grat-Wanderweg mit gehendem Dirk

Es ist Samstagmorgen. Die Sonne steckt hinter Wolken, aber wird bald um so strahlender ins Tal leuchten. Gestern hatten wir uns noch gefragt, ob uns das Bimmeln der Kirche wohl stören würde, brav zählten die Glocken jede Viertelstunde an. Susanne sagte „Nein“ und steckte sich kurzerhand die Stöpsel in die Ohren. Und ich sagte „Nein“ (ob sie es überhaupt gehört hat?), wohl wissend, dass ich zu einer Vorform der prä-senilen Bettflucht neige – und ohnehin wach bin, bevor zum Gottesdienst gerufen wird.

Leberwurst und Ingwer

Ermattet von den gestrigen Anstrengungen haben wir beide bis halb zehn Uhr geschlafen. Die Glocken schweigen, die Zeiger der Turmuhr stehen unbeweglich. Die Stille irritiert. Wir gehen zum Frühstück, für das gefühlt die gesamte erste Etage des Hauses zur Verfügung steht. Obst, Müsli, Joghurt, Brot, Croissants, Marmeladen, Honig, Wurst (ich esse eigentlich keine, probiere aber immer alles und kann nur sagen: Die Leberwurst ist göttlich.), Käse (sehr empfehlenswert ist der Bergkäse aus dem Bregenzer Wald, den man mit einer Art Beil aus großen Stücken säbelt), in der offenen Küche werden Eierspeisen bereitet. Doch besonderes Gedränge herrscht am Entsafter, den auch wir mit Äpfeln, Möhren und Ingwer füllen.

Susanne an der Saftpresse

das Jausen-Sackel

das Gipfelkreuz

Abstieg vom Gierenkopf

Begehrte Früchte: Susanne am Entsafter und Gipfelkreuze auf Wiesenkuppen

Wir sitzen auf der Terrasse oberhalb der Dorfstraße, das Sonnenlicht fällt auf die groben Holzmöbel, die mit dicken Fellen zu Lounge-Sofas gemacht wurden. Wir essen und beugen uns über die Wanderkarte. Wir wandern gern, sind bereits im Harz und in der Rhön mehrere Tage unterwegs zu Fuß unterwegs gewesen, an der Ostsee und in den Alpen. Und im vergangenen Jahr haben wir ein Trekking durch den Himalaya Nepals gemacht, von Lukla zum Kloster Tengboche, das auf knapp 4000 Metern Höhe liegt und einen perfekten Blick auf den Mount Everest bietet. Jetzt steht Karl Traubel vor uns, er hat uns mit der Karte hantieren sehen, und empfiehlt eine Gratwanderung auf den Siplingerkopf.

Zwei Brüder und ein Hotel

„Der Karl“, wie man hier so sagt, ist der Senior-Chef „vom Hubertus“. Er trägt immer eine dunkelbraune Lederhose, eine hellbraune Weste und ein graues Jankerl. Das nahezu gleichfarbige Haar rahmt verblüffend lang ein jung wirkendes, scheinbar stets lächelndes Gesicht. Doch der Mann ist mehr als das folkloristische Original des Hauses. Vor fast 40 Jahren hat Karl Traubel das Hubertus zusammen mit seinem Bruder Walter geführt. Doch das ging nicht gut. Man teilte sich die Jobs, Karl leitete eine Berghütte. Mit Erfolg. Für Walter hingegen lief es mit dem Hotel nicht so gut. Vor ein paar Jahren tauschten die beiden wieder. Und nach einigen Experimenten begann der Radikal-Umbau des Hauses in ein modernes Wellness-Hotel.

Blick vom Siplingerkopf

Etwas Nervenkitzel: Brotzeit mit Fernsicht beim Siplingerkopf

In mehreren Schritten wurde modernisiert und erweitert. Dass das Nebeneinander von Alt und Neu, alpin und modern, aufgeräumt und plüschig so wenig stört, liege an der Gestaltungskraft seiner Frau Christa, sagt der Karl. Tatsächlich fügen Inneneinrichtung und Design-Stilelemente zusammen, was eigentlich kaum vereinbar ist. Es verbindet die alte Bauernstube mit ihren breiten Dielen mit dem coolen „Edelweiß“, es eint diverse Saunen und die Spa-Treatment-Räume im Nachbargebäude, es lässt die Unterschiede gering erscheinen, die es zwischen den traditionellen Zimmern und den puristischen Suiten gibt. Überall ist es zu spüren, jenes gar nicht so leicht fassbare Hubertus-Feeling. Und schon bald, wohl wissend, dass man immer dem einen oder anderen Unrecht tut, hat man den Eindruck: Es gibt gar nicht so viele Hotels in Deutschland, die so konsequent Resorts sind. Und auch nicht viele, die so überzeugen.

Herbst-Sonne und Wangen-Rot

Aber, Miste, schon wieder fest gelabert. Wir wollten doch wandern. Eine halbe Stunde später sind wir unterwegs. Immer wieder kommt die Sonne raus. Bei der wohl mindestens 1000-jährigen Eibe verstauen wir die Jacken im Rucksack und gehen im T-Shirt weiter. Wir philosophieren über den Baum, was hat er wohl erlebt, wie weit reichen seine Wurzeln zurück in die Zeit? Die Sonne küsst die herbstlichen Wiesen und rötet unsere Wangen. Die Luft duftet, Tannenzapfen knistern. Schließlich der Blick vom 1746 Meter hohen Siplingerkopf. Dieser Berg ist kein blau-weißes Monstrum. Und doch ist es erhabend hier zu stehen, auf der einen Seite die Nagelfluhkette und das Konstanzer Tal. Auf der anderen Seite die Hochalpen. Über Heidenkopf, Girenkopf und Stillberg führt der immer abwechslungsreiche Wanderweg teils über scharfe Grate zurück zum Hotel. Mit Pausen dauert die Tour gut fünf Stunden.

die älteste Eiben Deutschlands

Schuheputzen nach der Wanderung

Zeitmaß: Die Eibe zählt zu den ältesten Bäumen, Susanne bürstet die Stiefel

Wir sind geschwommen, haben sauniert und uns etwas Ruhe gegönnt. Jetzt sitzen wir in den besten Kleidern, die wir uns für unser kurzes Wochenende eingepackt haben, im Restaurant Edelweiß. Mutig ist das Konzept, das Küchenchef Kristian Knölke hier mit seinem Team umsetzt. Hochküche in der Abgeschiedenheit: Zweierlei von der Wachtel, Suppe von der Pastinake, Mille Feuille von Jakobsmuschel und Hausschwein, Heimischer Rehrücken, Dessertvariationen. Dazu serviert Sommelier Martin Mühlbäck kongenial die passenden Weine.

Edelweiß und Slow-Food

Es ist eine spannende Reise durch die Hubertus-Küche mit Überraschungen wie einer tollen Suppe und der leckeren, alpinen Surf-and-Turf-Variante aus Muschel und Schwein. Aber es gibt auch kleinere Schwächen, ziemlich hart ist der geröstete Feldsalat zum zarten Reh, und dass wir rund vier Stunden sitzen für ein recht übersichtlich portioniertes Fünf-Gänge-Menü findet sogar Susanne ganz schön lang. Dabei ist ihr Ess-Tempo in Hamburg berüchtigt, selbst die Mitglieder eines Slow Food Conviviums lecken bereits an den Tellern, während sie noch kaut.

Dirk und Christian in der Küche

das Edeweiss

Vorspeise im Edelweiss

der Hauptgang

Schwarz-weiß: Dirk im Gespräch mit Küchenchef Kristian Knölke, der als Vorspeise Wachtel-Variationen serviert und für Susanne einen vegetarischen Hauptgang

Und doch haben wir toll gegessen. Als Kristian Knölke später raus kommt an die Tische seiner Gäste, da erfahren wir von ihm, dass er erst seit einigen Wochen hier ist, dass er am selben Abend auch die mehr als 100 Essen im Hauptrestaurant zu verantworten hatte, und dass er bald Vater wird. Wir entschuldigen uns für jede Mäkelei, erheben das Glas auf ihn und freuen uns schon darauf, in einem halben Jahr wieder im Edelweiß zu essen. Denn der Mann kann was.

Von Dubai ins Schnee-Chaos

Selbst eine Zeit, die nicht gemessen wird, endet. Nach dem Ausschecken treffen wir Hoteldirektor Marc Traubel und kommen mit ihm ins Gespräch. Er erzählt, wie er eigentlich das ihm zu klein gewordene Dorf verlassen hatte, um in der Welt zu arbeiten. Wie sich das gut anfühlte. Wie er im Hochhaus des Rotana-Hotels in Dubai den Anruf seines Vaters erhielt, der sagte: „Ich brauche deine Hilfe. Für immer.“ Wie er sich am Abend in irgendeinem dieser seelenlosen Dubai-Saufclubs betrank, mit sich und seiner damaligen Lebensgefährtin (und heutigen Frau) hadernd, ob er das machen sollte. „Am nächsten Tag sagte ich zu.“ Im Winter 2010 verließ Marc Traubel die Wüste und landete im Schnee-Chaos, in dem auch Bayrisch Sibirien versank.

Sommelier Martin

Koch Kristian

Mark Traubel

Karl Traubel

Die Menschen hinter dem Erfolg: Martin Mühlbäck empfiehlt die Weine, Kristian Knölke kocht, und die Traubel-Boys erfüllen den eigenen Generationen-Vertrag

Marc Traubel hat viel bewegt im „Hubertus“. Und obwohl im Sommer 2013 erst die letzten Bauarbeiten abgeschlossen wurden, gibt es schon neue Pläne. Traubel gefällt das Almdorf-Hotel-Konzept, er träumt davon, Chalets zu bauen. Doch dann atmet der seinem Vater so ähnlich sehende Jung-Dynamiker in den Leicht-Wanderschuhen tief durch. Ein arbeitsreiches Jahr liegt vor ihnen. In der nächsten Woche ist das Hotel komplett ausgebucht. Und die Tage sind lang. Heute hat er bereits um 6 Uhr morgens die rund ein Dutzend Teilnehmer der Sonnenaufgangswanderung geführt. Gegen 22 Uhr wird er abends nach Hause gehen. Man muss lieben, was man tut, um mehrere solcher 16 Stunden-Tage weg zu stecken.

die Bergsauna schmiegt sich an die Berge

Christian bringt uns zum Flughafen

Wenn die Musi geht: Ruhe am Pool, Fahrer Christian hat einst die Zither gespielt 

Wir verabschieden uns. Christian wird uns zum Flughafen bringen. Und er ist auch so eine Hubertus-Geschichte. Der unter der Schlafkrankheit leidende Mann hat früher im Hotel die Zither gespielt, bis ihm ein Unglück die Finger hat taub werden lassen. Er kann nicht mehr musizieren. Dafür übernimmt er im Hubertus den Job eines Fahrers und Technikers. Es gibt noch andere Beispiele für diese Form des gelebten Verantwortungsbewusstseins, dass etwa Sauna-Mann Jürgen bis zu einem Nervenzusammenbruch Koch war. Die Traubels selbst verlieren darüber kein Wort. Ihren Mitarbeitern imponiert auch das. Nun stehen sie da und winken uns zum Abschied.

Abreise im Regen

Es hat  angefangen zu regnen. Tropfen pladdern auf das Autodach. Christian startet den Wagen. Stop, stop. Ich habe etwas vergessen und springe noch einmal raus: Was war jetzt eigentlich mit der Kirchturm-Uhr?

Der Küster ist gestorben, im Alter von 92. Da bleibt hier die Zeit einfach mal für ein paar Tage stehen.

eine Krähe am Siplinger Kopf


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Hinweis: Die Recherchereisen für diesen Blog werden zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien, Reedereien und/oder PR- bzw. Tourismus-Agenturen. Unsere journalistische Freiheit bleibt davon unangetastet. Wir danken dem Hotel Hubertus und den wundervollen Menschen in Balderschwang.

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